Luther und die Juden


Freitag, 21.02.2014
19 Uhr
Kirchliches Forschungsheim
Wilhelm-Weber-Straße 1a – 06886 Wittenberg

Hinweis: Die Veranstaltung wurde von der Evangelischen Akademie in das Kirchliche Forschungsheim verlegt.

Ankündigung einer Veranstaltung mit zwei Vorträgen zu Luthers Judenhass und dessen Bedeutung für den Protestantismus

Seit 2008 läuft im Vorfeld des 500. Jubiläums von Martin Luthers Thesenanschlag die sogenannte Lutherdekade. Innerhalb dieser zehn Jahre wird sein Wirken ausgiebig gewürdigt, gepriesen und verklärt. Die Präsenz des Reformators im Stadtbild der Lutherstadt Wittenberg wird weiter intensiviert. So wurde beispielsweise ein Luthergarten angelegt, dessen Zentrum Luthers Familienwappen bildet. Nicht nur dominiert er den öffentlichen Raum, auch als moralischer Mahner im Alltag wird Luther verwendet: Auf Containern klebt sein Konterfei über der Aufforderung, den Müll ordnungsgemäß zu entsorgen, um die Touristen nicht zu verschrecken.
Für die Wittenbergerinnen und Wittenberger ist Luther identitätsstiftend. Mit ihm identifizieren sie sich, wenn das ZDF unter dem Titel „Unsere Besten“ nach den wichtigsten Deutschen fragt und er auf Platz zwei landet. Luther ist nicht nur Gallionsfigur der evangelischen Kirche, sondern ist auch unabhängig von ihr zentraler Bezugspunkt der Stadt Wittenberg. Er ist der Beleg dafür, dass die Stadtgemeinschaft so irrelevant ja nicht sein könne.
Die Staatliche Geschäftsstelle „Luther 2017“ gestaltet den Hype aus. Die einhergehenden Veranstaltungen „wollen zeigen, dass die Lutherdekade – neben der Reflexion des Christseins – auch ein Grund zum Feiern ist.“ Da das Spektakel zu groß angelegt ist, um jeglichen Inhalt auszublenden, will man „Martin Luther, seinen Glauben und seine Ideen weiter erforschen“. [Zitate von http://www.luther2017.de/7427-die-lutherdekade-luther2017-500-jahre-reformation].
Auf ihrer Internetpräsenz finden sich, diesem Anspruch folgend, allerlei Informationen um und über Luther.
Wer nach Hintergrundinformationen zu Luthers Haltung gegenüber Juden sucht, gelangt zu einem Text, der im Folgenden zur Motivation einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema herangezogen wird.
[ http://www.luther2017.de/en/22477/jesus-christ-was-born-jew-%E2%80%93-martin-luther-and-jews – Die deutsche Fassung ist seit kurzem nicht mehr erreichbar.] Der pensionierte Pfarrer und Religionslehrer Hanns Leiner betätigt sich hier als Verteidiger des Reformators. Nach der üblichen Distanzierung vom Spätwerk wird zunächst der historische Kontext festgestellt:

„His anti-Jewish statements were connected to the general Christian anti-Judaism of the Middle Ages since the crusades. We find similar and even more extreme words uttered by his adversaries, for example Johannes Eck from Ingolstadt. Not even Erasmus of Rotterdam, a man who stands very much for religious tolerance, was free from this attitude. It also was not a specifically German thing. During the previous centuries, the countries of Western Europe had dispelled all Jews from their lands […].“

Hier stellt er zunächst klar, dass damals alle irgendwie mehr oder minder judenfeindlich waren. Dazu kommen dann noch Luthers schlechte persönliche Erfahrungen. Offensichtlich kann man dem Vorwurf des Antisemitismus nicht nur mit Beteuerung der persönlichen Freundschaft zu Juden begegnen, sondern auch mit persönlicher Feindschaft entschuldigen. Im Wissen dieser Faktoren kann der Autor dann doch Empathie aufbringen:

„If one also takes into consideration the difficult situation of the Protestant church in the 1540s, Luther’s age and his numerous health problems, as well as his end-time mood, one finds many reasons that will by no means justify his harsh tone, but nevertheless make it appear as more comprehensible.“

Ganz besonderen Wert legt Leiner darauf, dass Luther nie zum Mord an Juden aufrief. Außer halt in den Tischreden, wo es heißt:

„Ein anderer erzählte viel von den Gotteslästerungen der Juden und fragte, ob es einem Privatmann erlaubt sei, einem gotteslästernden Juden einen Faustschlag zu versetzen. Er ( nämlich Luther d. V.) antwortete: Ganz gewiss! Ich wollte einem solchen eine Maulschelle geben. Wenn ich könnte, würde ich ihn zu Boden werfen und in meinem Zorn mit dem Schwert durchbohren. Da es nämlich nach menschlichem und göttlichem Recht erlaubt sei, einen Straßenräuber zu töten, viel mehr einen Gotteslästerer.“
(Tischrede vom Frühjahr 1543. Nr. 5576. WA TR 5.257,11-31. zit. bei Bienert, Walther (1982). Martin Luther und die Juden. Frankfurt a. M.: Evangelisches Verlagswerk, S.172)

Von den Juden und ihren Lügen
Bildquelle: Wikimedia
Alles in allem, findet Leiner, seien Luthers Äußerungen über die Juden scharf zu kritisieren. Aber auf der anderen Seite wusste Luther, anders als viele in unseren heutigen, relativistischen Zeiten, zumindest woran er glaubte und wofür es sich lohnte, zu kämpfen:

„For us today, who have been infected by the modern relativism of truth, Luther may even become a role model here. He knew what he believed and was ready to fight for it and to defend it against possible objections and disputes.“

Abgesehen von diesem außergewöhnlich kruden Abschluss, ist diese Darstellung exemplarisch für den derzeitigen Umgang mit Luther, der zur ausstrahlungskräftigen Ikone stilisiert wird, ohne dass eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet.
Um Einwände gegen den rein apologetischen Bezug auf Luther vorzubringen, lädt der Arbeitskreis Zweifel und Diskurs ein zu einem Abend über Luthers Judenhass und dessen Bedeutung für den Protestantismus. Zum Thema sprechen werden Andreas Pangritz (Universitätsprofessor für Systematische Theologie in Bonn) und Jörg Finkenberger (Jurist und Rechtshistoriker).

Zum Vortrag von Prof. Dr. Andreas Pangritz:

Léon Poliakov schreibt in seiner Geschichte des Antisemitismus über Martin Luther: „Im Antisemitismus … zog das religiöse Motiv, die Rechtfertigung durch den Glauben, eine Ablehnung der Werke nach sich, jener Werke, die unzweifelhaft jüdischer Prägung sind … Muß vielleicht ein wirklicher Christ, der seinen Gott in der Weise eines Martin Luther anbetet, nicht schließlich unvermeidlich die Juden aus ganzer Seele verabscheuen und sie mit allen Kräften bekämpfen?“
Sollte Poliakov recht haben, dann wäre an das Christentum zumindest in seiner lutherischen Variante die kritische Frage zu stellen, wie es sich zu Luthers Antisemitismus stellt. Luthers aggressiv judenfeindliche Spätschriften wie z.B. „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) sind berüchtigt; sie konnten von den Nationalsozialisten problemlos als Begründung für ihren „Erlösungsantisemitismus“ – Erlösung durch Vernichtung der Juden – in Anspruch genommen werden.
Dennoch hat sich lutherische Theologie im allgemeinen dagegen gewehrt, Luther als Antisemiten zu bezeichnen. Dabei wird großer Wert auf die Unterscheidung einer religiös begründeten Verachtung gegenüber den Juden, die man dann Antijudaismus nennt, von dem modernen, rassenbiologisch begründeten Antisemitismus gelegt. Auch wird betont, dass der jüngere Luther in seiner Schrift „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei“ (1523) eine eher judenfreundliche Haltung gezeigt habe.
Der Vortrag wird anhand von Luthers sog. „Judenschriften“ erneut die Frage aufwerfen, wie Luthers Stellung gegenüber den Juden einzuschätzen ist: Wie ist die Judenfeindschaft bei Luther theologisch begründet? Kann und muss sein Judenhass als Antisemitismus bezeichnet werden?

Zum Vortrag von Jörg Finkenberger:

Luthers Judenhass ist an seinem Werk nicht eine Nebensache, sondern reicht in den Kern. Das wirft weitgehende Fragen auf. Wie kann eine Reformation des Christentums gedacht werden ohne Hass auf die Juden? Wie tief steckt der Judenhass im Christentum, und in den christlich geprägten Gesellschaften? Alle seitherige Geschichte hat wenig Anlass zur Hoffnung gegeben. – Die Wurzeln des Judenhasses im Christentum rühren an Grundsätzlichem. Christlicher Antijudaismus macht an der hartnäckigen Verweigerung der Juden fest, was allgemein der Fall ist: Die verheißene Erlösung ist nicht eingetreten. Die Verschiebungen, die die ausgebliebene Erlösung im Bau der christlichen Kirche erzwungen hat, treten in Widerspruch zu den inneren Inhalten des Glaubens. Die Reformation war angetreten, auf diesen Widerspruch zu reagieren. Das Misslingen der Reformation ging einher mit radikaler Eskalation des Judenhasses. Wie tief muss die Kritik der christlichen Religion ansetzen? – Zu allem Unglück scheinen die Kriterien der Religionskritik, die im Anschluss an die Aufklärung entwickelt worden sind, von derselben Schwäche befallen. Das Verhältnis der Junghegelianer zum Judentum erweist sich bei näherem Zusehen als das Selbe wie das des von ihnen kritisierten Christentums. Von wo aus kann der Ausweg gefunden werden? Wie können die Begriffe der Theologie in ein richtigeres Verhältnis zueinander gesetzt werden?

Die Veranstaltung findet am 21. Februar 2014 im Kirchlichen Forschungsheim, Wil­helm-​We­ber-​Stra­ße 1 in 06886 Wittenberg statt. Beginn des ersten Vortrags ist 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Audiomitschnitt der Tagung Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran

Link: Audiomitschnitt bei archive.org
Die Reihenfolge korrekte Reihenfolge ist:

Vorrede
Politsiche Gewalt und religiöse Legitimität im Islam
Is there a change in the air?
Heilige und Staatsfeindin zugleich
Sehnsucht nach Differenz

Nähre Informationen können dem Programm entnommen werden.

Ankündigung: Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran

Tagung zum Verhältnis von Kultur, Politik, Gewalt und Islam

23. November, 13 Uhr
Humboldt-Universität Berlin

Die Tagung soll einen kritischen Einblick verschaffen sowohl in innerislamische theoretische Auseinandersetzungen, die sich um die Frage der Legitimität politischer Gewalt drehen, als auch beleuchten, wie diese Auseinandersetzungen in säkularisierten, postmodernen Gesellschaften, beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland, geführt werden. Vor diesem Hintergrund werden Analysen vorgestellt, die sich – am Beispiel des Kulturdialogs mit dem iranischen Regime und des Geschlechterverhältnisses im Iran – konkret der aktuellen kulturellen und politischen Lage sowohl in Deutschland als auch dem Iran widmen. Außerdem sollen die engen Verbindungen dargestellt und untersucht werden, die auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit dem iranischen Regime bestehen.
revolution islamique

Programm

13.00 – 13.15 Uhr
Begrüßung, Vorrede und Vorstellung der Referenten
durch Bettina Fellmann, Organisatorin der Tagung.
Sie studiert Philosophie und Kunstgeschichte an der Freien Universität.

13.15 – 14.30 Uhr
Jörg Finkenberger: Politische Gewalt und religiöse Legitimität im Islam
Obwohl der Islam heute als eine eminent politische Religion auftritt, ist für den größten Teil seiner Geschichte das Verhältnis zwischen staatlicher Gewalt und religiöser Legitimität problematisch, fast feindselig. Der historische Befund verträgt sich wenig mit dem Selbstbild des heutigen politischen Islam: sein Fixpunkt, eine religiös legitimierte politische Autorität, ist in der historischen Religion kaum zu finden und verträgt sich nicht mit der Gestalt, die diese seit 800 Jahren angenommen hat. Der politische Islam als Bewegung und als Ideologie bewegt sich selbst nur in schweren Konflikten weiter, ohne diese auf absehbare Zukunft befrieden zu können. Ein Rückblick sowohl auf die politische Geschichte des Islam als auch auf die verschiedenen Versuche ihrer Aktualisierung und heutige Kämpfe.
Jörg Finkenberger ist Jurist und Rechtshistoriker.

14.30 – 15.30 Uhr
Dr. Kazem Moussavi: „There is a change in the air“?
Über die gefährliche Hoffnung auf eine Intensivierung des deutschen Kulturdialogs mit dem Iran unter Rohani

Die kulturellen und wissenschaftlichen Kooperationen Deutschlands und des Westens mit dem iranischen Regime finden zu einer Zeit statt, in der das Mullah-System im Inneren gravierend geschwächt ist. Der neue Präsident Rohani wird als „die Hoffnung, dass sich etwas ändert“ suggeriert und rezipiert, obwohl jeglicher Kulturaustausch und die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen mit einem klerikal-faschistischen Regime zum Scheitern verurteilt sind.
Der religiöse Führer Ali Khamenei hofft, mit dem angeblich moderaten Rohani in Kooperation mit Deutschland, beispielsweise durch die Zusammenarbeit mit Universitäten, die Position des Westens gegen das iranische Atomprogramm zu spalten, Israel zu isolieren und zu diskreditieren und die Sanktionen zu beenden. Der Kulturdialog trägt maßgeblich dazu bei, diese Hoffnung zu realisieren, und damit dem Regime den Weg zur Atombombe und der Verwirklichung seiner islamistischen Ziele zu ebnen. Dies bedeutet auch ein Sicherheitsrisiko für die in Deutschland lebenden Exiliraner und jüdischen Menschen. 
Dr. Kazem Moussavi ist Sprecher der Green Party of Iran in Deutschland.

15.30 – 16.00 Uhr
Pause

16.00 – 17.00 Uhr
Fathiyeh Naghibzadeh: „Heilige & Staatsfeindin zugleich“
Frauenbild und Männlichkeit in der Islamischen Republik Iran

Dass im Gottesstaat Iran brutale Frauenunterdrückung herrscht, wird im Allgemeinen nicht geleugnet, aber in vielerlei Hinsicht relativiert. So wird diese Unterdrückung auch durch ihre Klassifizierung als „patriarchalisch” verkannt und verharmlost. Im historischen Rückblick und Vergleich wird die Differenz zwischen vormodernem Patriarchat, Männerherrschaft unter der Modernisierungsdiktatur des Schahs und phallozentristischem Mullahregime dargelegt. Dabei soll diskutiert werden, was das Regime im Iran unter der „bedeutenden und wertvollen Aufgabe“ der Frau im Islam versteht, welche Art von Männlichkeit in den Repressionsorganen der Islamischen Republik verkörpert ist und in welchem Verhältnis diese Konstellation zur iranischen Gesellschaft steht.
Fathiyeh Naghibzadeh ist Co-Regisseurin des Films „Kopftuch als System – Machen Haare verrückt?”, publiziert unter anderem zum Geschlechterverhältnis im Islam, zu Antisemitismus und Antizionismus und zur Erfahrung des Exils und ist im Mideast Freedom Forum Berlin aktiv.

17.00 – 18.00 Uhr
Andreas Benl: Sehnsucht nach Differenz
Über den neuen Verrat der Intellektuellen

Die „Charme-Offensive“ des neuen Präsidenten des iranischen Regimes Hassan Rohani ruft einmal mehr die Kräfte des Appeasements in der westlichen Politik auf den Plan. Während diese offizielle Zusammenarbeit sich zumindest teilweise mit ökonomischen und politischen Interessen erklären lässt, wirft der „Appeal“ der Islamischen Republik im Besonderen und des Islamismus im Allgemeinen bei westlichen Intellektuellen und linken und liberalen Aktivisten Fragen nach seiner ideologischen Attraktivität auf. Als Foucaults Apologien Khomeinis 1979 auf die mörderische Realität trafen, sah er sich noch vehementer Kritik aus der Linken ausgesetzt. Seitdem haben sich die Kräfteverhältnisse von der Kritik des Islamismus hin zur Denunziation der sogenannten Islamophobie verschoben. Der Vortrag soll die historischen und ideologischen Hintergründe dieser Entwicklung beleuchten.
Andreas Benl ist im Mideast Freedom Forum Berlin aktiv und schreibt unter anderem zum Kulturrelativismus und zur Oppositionsbewegung im Iran.

18.00 – 18.30 Uhr
Abschlusspodium und Diskussion

Die Tagung findet an einem Samstag statt.
Tagungsort ist Raum 2002 des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität,
Unter den Linden 6, 10099 Berlin

Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

„Halle bleibt“…merkwürdig

Die vor einiger Zeit vermutlich wegen Fadheit und Irrelevanz eingestellte Bonjour Tristesse meldete sich im letzten Monat wieder zu Wort, um das Immergleiche festzustellen: Die Ossis mögen Betriebsausflüge, Nazidemos, Flut, Hauptsache es passiert etwas. Richtig flau wird einem erst, wenn man in der Sächsischen Zeitung die Meldung Hoyerswerda lädt 1.400 Fluthelfer zu Festival ein erblickt: „Angeschrieben wurden unter anderem die Stadtverwaltungen in Königstein, Pirna, Grimma, Döbeln, Halle, Magdeburg und Wittenberge.“ Wer beim Anblick dieser Gästeliste in Kombination mit dem Veranstaltungsort kurz stutzt, verspürt vielleicht auch das diffuse Gefühl, dass in den neuen Bundesländern irgendetwas nicht stimmen kann.
Ins Auge fällt beim Lesen der Sonderausgabe der bonjour tristesse die Bemerkung, dass auch die Linksradikalen sich als Fluthelfer betätigen. So albern wie es erscheinen mag, ist auch die Empörung darüber,
dass auch die Autonomen sich dem gemeinschaftlichen Trubel anschließen und zur Schippe greifen, um unmittelbar beteiligt die Ausnahmesituation mitzuerleben, nicht so abwegig wie andernorts. (Zu kritisieren ist natürlich nicht das Füllen von Sandsäcken, sondern das davon kaum zu trennende Beiwerk. Würden die tapferen Helferlein ihre Energie darauf richten, so blieben allen die im Flugblatt attackierten Phänomene erspart.) In Halle ist es über Jahre hinweg gelungen, das lokale Geschehen kontinuierlich zu kritisieren und gerade das Tun all der linken Engagierten mit Einwänden nicht zu verschonen. Auch wenn man es nach der Fahrt durch die Provinz nicht mehr für möglich hält, so fanden sich in Halle doch die kleinen Residuen des Denkens.
Aktueller Anlass, die zusammenrückenden Hallenserinnen und Hallenser zum Versuch, einen klaren gedanken zu fassen, aufzufordern, ist der diffuse Aktivismus um „Halle bleibt!“, einem Bündnis gegen die Einsparung der klinischen Forschung an der hallenser Medizinfakultät. Die AG no tears for krauts zeigt in einem Flugblatt das Ansinnen der Protestierenden auf: spart bei den andern und spart dabei unseren Wirtschaftsstandort nicht kaputt. Neben dem Einebnen der marginalen Möglichkeiten, an deutschen Universitäten das kritische Denken zu erleichtern, was zurecht beklagt wird, wird die örtliche Fragmentierung des Wissenschaftsbetriebes darin nur unzulänglich aufgezeigt. Die Alliierten haben nach dem zweiten Weltkrieg nicht ohne Grund die spezialisierten Hochschule als inakzeptabel erachtet:

„Am 9.4.1946 erfolgte die Neugründung der TH durch die Briten, jetzt unter dem Namen “Technische Universität Berlin”. Es wurde die Fakultät 1 gegründet, um den Naturwissenschaftlern und Ingenieuren die ethische Dimension ihres Handelns aufzuzeigen. Die übrigen Fakultäten mussten in der Nummerierung um eins nach hinten rücken.“ (antifatuberlin.blogsport.de/category/historisches)

Zu beklagen sind weniger fade Seminare, wobei Altersunterschiede um wenige Jahre sich selten signifikant auf den Erkenntnisgewinn aus Diskussionen auswirkt (wie im Flugblatt angedeutet), als vielmehr die Herumdümpeln unter Seinesgleichen. Wer das Privileg genießt, aus Bitterfeld zwecks Studium in eine größere Stadt zu ziehen, sollte nicht von der sperrlichen Restvielfalt an anderen Gedanken abgeschirmt werden. Dies ist jedoch stets Folge von „Spezialisierung“ im Hochschulbetrieb.
Unterdessen erinnert sich die Antifa in Halle, dass es da noch irgendetwas gab, vor der Absorbtion durch die Uni: Nun wird die Zielgruppe der Pre-Immatrikulierten identifiziert, das Konzept der Straßen aus Zucker aufgegriffen und eine eigene Schülerzeitung zusammengebastelt:


Es ergeben sichmerkwürdigerweise doch immer wieder neue Gründe, sich aufzumachen, auf dem Weg tüchtig zu gruseln und dort anzustoßen, auf den nächsten kläglichen Versuch der kritischen Intervention. (Gemein ist nicht die ebenfalls in Halle agierende Gruppe.)

Zur Beschneidungsdebatte

Am 24.4. werden Thomas von der Osten-Sacken und Justus Wertmüller im Laidak dazu sprechen. Veranstalter ist die Gruppe Hedonistische Mitte – Brigade Mondän.
Ankündigung hier.

Jakob kannte ich nicht

aber ich höre gern Musik von NMZS. Obwohl ich nichts über ihn weiß, ihn nur einmal gesehen habe, eigentlich nur seine Tracks kenne, macht die Nachricht von seinem Tod mich traurig. Wem die vier Buchstaben nichts sagen, dem sei dieser vielteilige Soundtrack zur traurigen Wissenschaft wärmstens empfohlen. Wenn das Lachen im Halse stecken bleibt, im kläglichen Versuch, mit derbem Humor den alltäglichen Wahnsinn zu kompensieren, dann wird dem oder der Hörenden bewusst, wie manche Künstler helfen, indem sie das nicht in Begriffen zu fassende hier und dort mit wenigen Bars ins Gehör schleudern.
Unbekannterweise, so wie Jakob als NMZS auf mich wirkte, sei seinen Angehörigen und Freunden tiefes Beileid ausgesprochen.

Über den Zusammenhang von Verwertung, Vernichtung und Entfremdung (+Text)

Am 27. Januar um 19.30 Uhr in der Schankwirtschaft Laidak, Boddinplatz, Berlin

Bettina Fellmann
Über den Zusammenhang von Verwertung, Vernichtung und Entfremdung

Einleitend wird erklärt, in welchem Verhältnis Verwertung und Vernichtung zueinander stehen. Dabei wird Auschwitz als bislang radikalster Versuch einer Verwirklichung der in der kapitalistischen Gesellschaft wurzelnden Tendenz begriffen, mit Gewalt Identität herzustellen zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten.
Davon ausgehend wird dargelegt, wie Verwertung als abstrakte gesellschaftliche Totalität und Vernichtung als besinnungslose Verwirklichung der abstrakten Herrschaft die Art und Weise prägen, wie die Subjekte sich innerhalb dieses Zusammenhangs erfahren. Die Erfahrung wird wie das Bewusstsein funktionalisiert und solcherart verarmen die Menschen in sich. Damit spiegeln sie einen objektiven Vorgang wieder und verlieren gleichzeitig die Fähigkeit, die maßlose Angst und den Schrecken, die objektiv produziert werden und die subjektiv zu reproduzieren sie sich verdammen, als solche zu erleben.
Leiden gilt als Schwäche, die man sich auszutreiben hat und Angst als praktisches Hindernis, erfolgreich im Konkurrenzkampf zu überleben.
Unter dem zunehmenden Druck verliert der Einzelne seine Widerstandskraft. Systematisch wird von der Gesellschaft alles, was der Anpassung sich entgegenstemmt, zerbrochen; jeder Widerspruch wird entweder integriert oder isoliert, im Allgemeinen findet er höchstens ein schwaches Echo, aber keine Entsprechung.
Diesen Bedingungen und ihren Konsequenzen lebend zu entgehen, ist nicht möglich und nötigt den Einzelnen, wenn er nicht ganz verkümmern will, auf allen Ebenen sich die Dialektik einzupauken, der gegenüber die Menschheit sich blind und taub stellt.

Der Vortrag als pdf:

Teil1
Teil2
Teil2

Vortragsreihe in Halle

Das Jahr beginnt mit einem beeindruckenden Vortragsangebot in der Provinz:

24. Januar * Christoph Hesse
Dynamit der Zehntelsekunden.
Die Kontroverse über den Film zwischen Walter Benjamin und Theodor W. Adorno

30.Januar * Marc Grimm
Ästhetik und Kulturindustrie nach Adorno

13. Februar * Baumeister & Negator
Kunst, Avantgarde, Klassenkampf.
Benjamin, Adorno und die Situationistische Internationale

26. Februar * Lukas Holfeld
Hölderlin und das Verstummen der Revolutionäre

17. April * Detlev Claussen
Thesen zur Aktualisierung der Kritik von Kulturindustrie und Halbbildung

07. Mai * Michael Gutjahr
Dem Sinnlichen eine Sprache. Performance, Tanztheater und die Dialektik des Leibes

tba * Kerstin Stakemeier
Realismus, Antifaschismus, Expressionismus. Die Expressionismus-Debatte in den 1930ern
tba * Roger Behrens
Kunst, Widerstand, Geschichte – Peter Weiss und die Ästhetik


kritische intervention